Louis und Oma

Written by MP2035, Juli 2021

… und Hamburg, wie es gewesen sein wird.

2035 wurde Louis in Hamburg geboren. Jetzt ist es 2040 und der Fünfjährige sitzt bei seiner Oma, vor sich einen Becher Hafermilchschokolade. Die mag er am liebsten. Und er will es jetzt wissen: „Omi, der André in der Kita hat mir heute so ein Bild gezeigt von einem gaaanz großen Auto. Und er hat gesagt, dass jeder so eins hatte, als wir geboren wurden. Und dass die ganz laut waren und stinken, aber total cool gewesen waren. Sag mal, spinnt der? Oder stimmt das?“ Oma muss es ja schließlich wissen. „Zeig doch mal her,“ meint Oma. Louis zückt sein CSP* und zeigt Oma das Bild eines schwarz-glänzenden SUV. [CSP= Child SmartPhone. Ein speziell für Kinder entwickeltes Smartphone, das ihnen gewisse Funktionen erlaubt, aber vor gefährlichen Inhalten aus dem Internet weitestgehend schützt. Heutzutage hat das quasi jede:r] Oma betrachtet das Foto, das Louis vom Bild seines Kumpels gemacht hat und meint: „Na ja, ein bisschen übertrieben ist das schon. 2035 hatten nur noch sehr wenige Leute so ein Auto. Und die lebten auf dem Land. Hier in der Stadt gibt es schon länger keine Autos mehr. Aber vor 25 Jahren, da war das schon ziemlich zutreffend. Unglaublich! Schließlich hatte schon damals kaum einer sowas gebraucht. Aber das Bewusstsein der Menschen war halt noch nicht so weit wie heute. Man hat sich überhaupt viel, viel mehr Sachen gekauft und besessen und gar nicht drüber nachgedacht, was das mit unserer Natur und unserem Leben macht. Ich bin sehr froh, dass das jetzt anders ist!“ Louis versucht, sich Hamburg voll mit solchen schwarz-glänzenden Monstren vorzustellen. Aber es will ihm einfach nicht gelingen. „Wo sollen die denn gefahren sein? Da ist doch gar kein Platz dafür.“ „Nun,“ sagt Oma, „früher sah die Stadt eben ganz anders aus als heute. Und auch seit du geboren bist, hat sich schon wieder viel verändert. Hast du Lust auf einen Spaziergang? Dann zeige ich dir mal, was es 2035 schon gab und was nicht. Einverstanden?“ Natürlich ist Louis einverstanden. Er findet es total spannend und supercool, wenn Oma von Früher erzählt. Manchmal denkt er insgeheim, dass sie ihn auf den Arm nimmt, so unglaublich klingen ihre Geschichten. Aber wenn er sie ansieht, ist sie ganz ernst und dann glaubt er ihr. Warum auch sollte sie sich so einen Unfug ausdenken? Und heute hat er extra viel Lust zu einer Runde. Dann kann er morgen in der Kita André was erzählen! Und so machen sie sich auf den Weg. Leichtfüßig hüpft die gut 70-jährige, schlanke Oma mit ihrem Enkel die Treppen der drei Stockwerke hinunter. – Früher war sie ja mal etwas moppelig. Aber das hat sich wegen des guten, gesunden Essens, das sie sich jetzt leisten kann, und der vielen Bewegung geändert. – Oma wohnt ganz zentral, am Neuen Wall, sodass sie gleich mitten in der City sind. Es ist ein

warmer Tag. Die Vögel zwitschern und auch die anderen vertrauten Stadtgeräusche dringen an Louis` Ohren: Kinderlachen und –geschrei, Leute, die sich unterhalten, Straßenmusik, das leise Surren eines vorbeigleitenden Busses oder der Stadtbahn, Geräusche von Fußgängern, Radfahrern und E-Rollstühlen, Fahnen, die im Wind wehen und ein ganz leises Plättschern, wenn man sich der Alster nähert. Hin und wieder ist auch Pferdegetrappel zu hören. Zum Glück gibt es viele Schatten spendende Bäume und Bänke, auf denen man sich zwischendurch hinsetzen und ausruhen kann. Sonst wäre es hier bestimmt zu heiß heute. Oma führt ihn zuerst an den Jungfernstieg und sie setzen sich ans Wasser. „Schau mal,“ Oma deutet auf den großen Spielplatz mit Wasserrutsche in die Binnenalster neben ihnen. „Den hier gibt es erst seit 2035. Vorher waren da nur Bänke. Und Straßenpflaster. Es gab schon Blumenkübel, Bänke und breite Fahrradwege und so. Aber das Obst und Gemüse“ – Oma pflückt ihnen beiden ein paar Erdbeeren aus dem Beet neben der Bank – „das gibt es hier erst seit du geboren bist. Genau wie den tollen Spielplatz, die Leihstation für Rollatoren, die du da drüben siehst, und die Boulebahn, auf der gerade diese Seniorengruppe spielt, die jeden Mittwochnachmittag hierher kommt.“ Oma hält inne. Louis kann es kaum glauben. „Das war alles noch nicht da? Aber das ist doch schon immer so!“ „Nicht ganz, mein Schatz. Aber ich verstehe, dass du dir das nur schwer vorstellen kannst. Und es ist auch viel besser so, wie es jetzt ist. Und das kam so: 2030 haben sich die Menschen in Hamburg und ihre Politiker:innen, also die Hamburgische Bürgerschaft, zusammen getan und überlegt, wie man die Stadt noch schöner, lebenswerter, ökologischer, grüner machen könnte. Inzwischen hatten die Politiker:innen nämlich verstanden, dass wir alle zusammen, gemeinsam, viel mehr erreichen können und viel kreativer sind, als sie allein das sein können. Und weil inzwischen auch jede:r wusste, dass es gar keine sinnvolle Alternative zum Klimaschutz gibt und dass die Leute auch gerne mehr Kontakt miteinander, und mehr Zeit und Ruhe haben wollten, gab es diesen Wettbewerb. Also, da muss ich vielleicht vorher noch kurz was erklären. 2020-2025 gab es eine schlimme Krise wegen einer sehr gefährlichen, ansteckenden Krankheit, die die Leute dazu zwang, ganz viel Abstand zu halten und sich nicht zu besuchen.“ „Das ist ja furchtbar!“ fährt Louis dazwischen und klammert sich an seine Oma. „Ja, das stimmt“, stimmt Oma zu und drückt ihren Enkel ganz fest. „Ich bin auch ganz froh, dass die Zeit überstanden ist und wir uns jetzt gut vor dieser Krankheit schützen und wieder viel zusammensein können. Aber darüber können wir an einem anderen Tag reden. Jedenfalls hatten die Menschen in dieser Krisenzeit ganz viel Zeit zum Nachdenken und dazu herauszufinden, was wirklich wichtig für sie ist. Deshalb hat sich die Politik und was die Menschen fühlen, denken und tun sehr verändert. 2030 war schon vieles sehr gut. Zum Beispiel gab es diese schrecklich lauten

stinkigen SUVs nicht mehr in der Stadt. Es wurde ruhiger hier, grüner und geselliger. Aber es reichte noch nicht. Deshalb gab es diesen Wettbewerb, bei dem alle Menschen, alte wie junge, alle Schulen, Kindergärten, Geschäfte usw. mitgemacht haben. Es ging darum, seine Ideen für eine noch schönere und nachhaltigere Stadt aufzuschreiben und aufzumalen. Wo soll noch mehr Grün hin? Welche Fortbewegungsmittel fehlen noch? Welche sind zuviel? Wo können wir noch mehr grüne Energie gewinnen, also Strom erzeugen, der die Natur nicht belastet, und wo Energie einsparen? Was brauchen Kinder, um sich in der Stadt wohl und sicher zu fühlen? Und so weiter und so fort.“ Oma hält kurz inne. „Das klingt ganz schön spannend. Da würde ich auch gerne mal mitmachen. Ich hätte da schon noch ein paar Ideen…“ denkt Louis laut vor sich hin. Oma lächelt. „Das kannst du bald, mein Schatz. Nächstes Jahr ist es nämlich soweit, dass wieder alle Leute gefragt werden.“ „Echt? Cool! Das sag ich morgen André. Dann können wir schon mal was aufmalen. Und vielleicht lerne ich ja auch ganz schnell Schreiben, wenn ich nächstes Jahr in die Schule komme. Dann schreib ich das auch noch auf!“ Louis ist ganz aufgeregt. „Fein, dass du so eine Freude am Mitmachen hast!“ meint Oma und erinnert sich an frühere Zeiten, in denen es ziemlich egal war, was Kinder fühlten und dachten. Hauptsache, sie folgten den Anweisungen der Erwachsenen… Oma reißt sich von diesen trüben Gedanken los und kommt zu ihrem Thema zurück. „Also, zurück zu 2035. In deinem Geburtsjahr war es endlich soweit, dass alle Ideen von dem großen Wettbewerb – bei dem gab es übrigens auch ganz tolle Preise zu gewinnen, aber das war nebensächlich, weil allen das Mitgestalten so viel Freude gemacht hat – abgestimmt und umgesetzt waren. Das war das beste Jahr meines Lebens! Erstens, weil du geboren wurdest. Und zweitens, weil unsere schöne Stadt noch so viel schöner und freundlicher geworden ist. Dass du zum Beispiel manchmal Pferde hören und sehen kannst, ist erst seit 2035 so, weil es seither wieder Kutschfahrten in der Stadt gibt. Für Touristen und Einheimische. Du bist doch auch schon einmal Kutsche gefahren, oder?“ „Ja, das war prima! Besonders schön fand ich es, durch die Speicherstadt zu fahren.“ „Na, das kann ich mir vorstellen. Die großen, bunten Windräder mitten in der Stadt, wo unten Galerien, Ausstellungen und Mitmachmuseen drin sind, gab es vorher auch nicht. Genausowenig gab es die Wassertrennung.“ „Was?!“ ruft Louis ungläubig. „Das weiß doch jedes Baby, dass es Trinkwasser und Spielwasser gibt! Jetzt veräppelst du mich aber!“ „Nein, ganz bestimmt nicht. Vorher hat man alles mit Trinkwasser gemacht, auch wenn es schon knapp wurde. Mehr Regenwasser zu nutzen und Wasser aufzubereiten, sodass es zum Spielen, Gießen, usw. gut ist und man nur nicht damit kocht und Zähne putzt, die Idee wurde erst 2035 umgesetzt.“ Louis bleibt skeptisch. „Und 2035 ist noch was ganz Großes hier passiert. Jetzt glaubst du wahrscheinlich, ich bin ein bisschen verrückt. Aber es stimmt.

Wirklich!“ Oma macht eine spannungsgeladene Pause. Louis schaut sie mit großen Augen erwartungsvoll an und vergisst sogar für einen kleinen Moment seine Zukunftsplanungen. „Was denn? Erzähl weiter, Omi!“ „Nun ja,“ Oma räuspert sich. „Die Verkehrsregeln wurden grundlegend geändert. Seit dem Jahr, in dem du geboren bist, haben die schwächeren Verkehrsteilnehmer:innen Vorrang vor den stärkeren. Das heißt, die Fußgänger:innen, die einen Rollator brauchen, haben Vorrang vor anderen Fußgänger:innen und die wiederum vor Tretrollerfahrenden und Radfahrer:innen. Dann kommen Kutschen und Busse und Bahnen. Autos gibt es ja keine mehr in der Stadt.“ „Aber Omi! Das ist doch ganz normal! Und dass man als Fußgänger:in Rücksicht nimmt auf Busse und so ist doch auch klar. Bus und Bahn fahren ja alle und die wollen auch ankommen. Da ist es ja sinnvoll, dass man zur Seite geht, wenn einer angesummt kommt.“ „Ja, so siehst du das. Und ich finde auch, dass das eine prima Umstellung war. Vorher war es aber total anders. Da kamen die Autos zuerst. Und die Busse und Bahnen, und dann die Radfahrenden. Die, die zu Fuß gehen, kamen zu allerletzt und mussten höllisch aufpassen. Damit man es überhaupt mal über die Straße schaffte, gab es Ampeln, die die Autos zwischendurch kurz gestoppt haben. Da haben sich aber auch nicht alle dran gehalten. Da hätte ich dich bestimmt nicht alleine zum Spielplatz hier vorauslaufen lassen! Und wenn man nicht so gut zu Fuß war, einen Rollator oder Rollstuhl gebraucht hat, konnte man an vielen Stellen gar nicht in den Bus oder die Bahn einsteigen wegen der Stufen. Und zum Wasser runter kam man auch nicht. Für eine kurze Zeit gab es noch so elektrische Roller. Die tauchten immer irgendwo, unerwartet, auf, kamen superschnell um die Ecke geflitzt und haben einen erschreckt. Und dann standen die immer im Weg rum. Da hatte einer gedacht, dass solche Roller gut dafür wären, dass weniger Leute mit dem Auto in die Stadt fahren.“ Louis lacht. Oma stimmt ein. „Ja, das hat nicht geklappt. Viele wussten das auch ziemlich schnell. Es hat die Leute nur noch bequemer gemacht, weil sie dann nicht mehr so viel Rad gefahren oder zu Fuß gegangen sind, und es hat noch mehr Energie verbraucht. Zum Glück hat eine wissenschaftliche Studie das dann bestätigt und es wurde ganz uncool und ist dann wieder verschwunden.“ „Und wo haben jetzt früher diese Automonster hingepasst?“ will Louis nun doch endlich wissen. Er wird schon etwas unruhig und möchte sich wieder bewegen. Zumal gerade eine Gruppe Jogger vorbeigekommen und auf dem Spielplatz auch richtig viel los ist. „Da musst du dir jetzt mal vorstellen, dass alle Beete hier, die breiten Rad- und Fußwege, die Bäume, der Spielplatz, die Boulebahn, die kleinen Cafés und Eisstände und Bänke und Grünflächen alle weg wären. Der ganze Platz zwischen den Häusern und dem Wasser ist gepflastert und zubetoniert. An beiden Seiten gibt es schmale Wege für die Fußgänger:innen und auch ein paar Bäume. Dazwischen sind 6 Reihen nebeneinander mit

geparkten und fahrenden Autos. Zwar sind nicht alle so große SUVs, aber doch viele, und es ist total laut, so dass man die Vögel, den Wind und das Wasser nicht hören kann, und es mieft ordentlich.“ Louis reißt die Augen auf: „Das ist ja schrecklich!“ „Da hast du wohl Recht. Aber damals fanden die meisten Leute das völlig normal und auch praktisch, dass sie immer überall hinfahren konnten. Und dann brauchten sie natürlich auch einen Parkplatz für ihr Auto. Es gab damals noch nicht so gute Busse, Bahnen und so. Und es wurde auch viel, viel mehr eingekauft. Nicht so viel repariert wie heute. Zum Glück hat sich das aber geändert.“ „Und ich hab noch viel mehr Ideen, was man anders machen könnte!“ ruft Louis und springt von der Bank. Er hat jetzt wirklich lange genug gesessen. Oma steht ebenfalls auf. „Dann lass uns mal noch `ne kleine Runde Tretroller fahren. Da vorne werden grade welche frei. Und dann gehen wir wieder hoch zu mir und du kannst anfangen deine Ideen aufzumalen. Was hältst du davon?“ schlägt Oma vor. Anstelle einer Antwort ist Louis schon losgeflitzt Richtung Tretroller-Leihstation. Oma schmunzelt. Als sie wieder oben in ihrer Wohnung sind, möchte Louis noch eine Hamischo, wie er seine geliebte Hafermilchschokolade gerne nennt. „Aber aus deiner alten Schietwedder-Tasse“ ruft er und fragt noch hinterher: „Was bedeutet das eigentlich: „Schietwedder“?“ Wieder muss Oma schmunzeln. „Hab ich dir das nicht schon mal erklärt? „Schietwedder“ heißt „schlechtes Wetter“. Das sagte man früher in Hamburg, wenn es geregnet hat und oft war es dabei auch noch windig und kalt.“ „Aber da ist doch tolles Wetter!“ meint Louis. Ja, ja, die Zeiten ändern sich. Es ist ein Spiel zwischen ihnen. Diesen Dialog haben sie schon öfter geführt und er bleibt immer gleich. Aber alles andere ändert sich. Und das ist auch gut so.

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