Ein Tag im Jahr 2035

Kurzgeschichte von vivian2035

Es ist ein schöner, sonniger Morgen im April. Ich stehe auf und öffne das Fenster. Draußen ist es noch kühl, aber die Luft riecht nach Frühling. Die Vögel zwitschern, vereinzelt ist das Surren von Elektroautos und -bussen zu hören. Ansonsten ist es ruhig. Herrlich! Ich gehe in die Küche und mache mir einen Smoothie aus verschiedenen Früchten und Pflanzenpulvern. Lecker! Damit fühle ich mich bis mittags energievoll und gestärkt. Wenn ich daran denke, dass ich früher immer einen starken Kaffee brauchte, um irgendwie durch meinen total stressigen Alltag zu kommen!

Das ist jetzt alles ganz anders. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was in dem letzten Jahrzehnt so alles passiert ist! Es ist, als ob die Welt auf den Kopf gestellt worden wäre! Durch erschreckende wissenschaftliche Szenarien einer Welt mit ungebremsten Klimawandel Anfang der 20er, begannen immer mehr Menschen ihr Denken und Handeln zu verändern. Es war plötzlich nicht mehr akzeptabel, dass Unternehmen auf Kosten der Natur und anderer Menschen Profit machten. Solche Firmen mussten sich entweder komplett neu ausrichten oder sie verschwanden. Ihr könnt euch ja denken, was da los war, wie viele Menschen ihre Arbeit verloren! Aber die Politik reagierte schnell und führte für diese Menschen ein Grundeinkommen ein, das allen ermöglichte, ihre Grundbedürfnisse zu erfüllen. Die vielen Menschen, die zeitweise ohne bezahlte Arbeit waren, wollten dennoch einen sinnvollen Beitrag zur Gesellschaft leisten und begannen, sich in den unterschiedlichsten Bereichen zu engagieren, je nach Neigungen und Fähigkeiten.

Heutzutage ist es sogar so, dass jeder Mensch in Deutschland ein Grundeinkommen erhält. Das finde ich total angenehm. Um gut zu leben, verdienen die meisten Menschen sich allerdings etwas hinzu. Ich arbeite zum Beispiel 20 Stunden gegen Bezahlung in unserer lokalen Einkaufskooperative. Darüber hinaus arbeite ich zwei Nachmittage ehrenamtlich im BISTRO, unserem Nachbarschaftscafe und einmal pro Woche biete ich einen Yogakurs an. Es macht mir Spaß, verschiedene Tätigkeiten auszuüben, da ich immer mit anderen Menschen in Kontakt komme und meine unterschiedlichen Fähigkeiten gefordert werden. Oft unterstütze ich auch in unser Begrünungsprojekt. Es ist schön zu sehen, wie die Stadt immer grüner und lebenswerter wird!

Anfang der Zwanziger wäre ich am liebsten aus der Stadt herausgezogen; es war mir einfach zu laut, zu schmutzig und zu anonym. Aber nun habe ich in der Stadt alles, was ich brauche, wunderschöne, grüne Erholungsnischen, Gemeinschaft und außerdem ist es hier jetzt sauber und viel ruhiger als früher.

In Zuge des großen Veränderungsprozesses sind überall nachbarschaftliche Initiativen entstanden. Es hat ein wenig gedauert, bis die Menschen in den Nachbarschaften zusammengefunden haben, manche sind sogar ein paar Mal umgezogen, bis sie das Gefühl hatten, an einem für sie passenden Ort zu leben. Das war für viele wichtig, denn heutzutage verbringt man viel mehr Zeit zu Hause und in seiner unmittelbaren Nachbarschaft.

Früher kannte ich nur meine direkten Nachbarn, weil ich fast 10 Stunden täglich außer Haus war. Bei 8 Stunden Arbeit in der Firma plus Mittagspause und Pendeln war man damals schnell mit 10 Stunden dabei! Kein Wunder, dass die Menschen sich damals oft ausgelaugt fühlten, dem nächsten Urlaub entgegenfieberten oder sich durch den Kauf von Dingen eine Freude bereiten wollten. Heute ist das Interesse am Konsumieren sehr zurückgegangen. Statt immer etwas Neues zu kaufen, hilft man sich gegenseitig beim Aufarbeiten alter Dinge oder leiht sich etwas aus.

In meinem Stadtviertel begann die Nachbarschaftsinitiative auf dem Gelände eines alten Supermarktes, das für alle gut zu erreichen ist. Das alte Gebäude wurde für unsere Zwecke umgestaltet. Es gibt dort eine Einkaufskooperative, wo man alles für seinen täglichen Bedarf erhält und einen Fahrzeugpool, für den wir einen Teil unserer Autos in Elektroautos umgewandelt haben. Lastenfahrräder und Fahrradrikschas werden auch verliehen. Darüber hinaus gibt es einen Verleih für Elektro-, Gartengeräte und was man sonst noch so braucht. Unser zentraler Treffpunkt ist das BISTRO. Dort gibt es mittags und abends gesunde, warme Mahlzeiten und jede Menge Infos aus der Nachbarschaft. Ein Tauschhaus, eine Tauschbörse sowie Gemeinschaftsräume für Aktivitäten aller Art sind auch in dem Gebäude untergebracht.

Das alles wird von den Nachbarn selbst organisiert. Jeder, der Lust hat, packt mit an. Am Anfang mussten immer wieder Berater:innen hinzugezogen werden, weil es viele Unstimmigkeiten gab und es schwierig war, gemeinschaftliche Entscheidungen zu treffen. Das war ein echter Lernprozess! Aber inzwischen wachsen schon die Kinder mit dem Consent-Verfahren auf, mit dem es relativ leicht ist, Entscheidungen in Gruppen so zu treffen, dass sie von allen mitgetragen werden können.

Andere Park- oder Brachflächen im Viertel wurden in Gemeinschaftsgärten oder in grüne Oasen verwandelt, die dort hergestellten Produkte werden zu einem günstigen Preis in unserer Einkaufskooperative verkauft. Klassische Supermärkte wie früher gibt es nicht mehr, sie sind allesamt zu Kooperativen geworden, die mit den Bauern und Unternehmen aus der Umgebung zusammenarbeiten und deren Produkte zum Verkauf anbieten. Es gibt nur noch frische und gesunde Lebensmittel. Die vielen Fertigprodukte mit künstlichen Aromen und Zusatzstoffen verschwanden mit der Zeit vom Markt, da sie nicht mehr nachgefragt wurden.

Dadurch, dass die Menschen ja ein Grundeinkommen hatten, haben sie sich Tätigkeiten gesucht, die ihnen wirklich Freude machten. So entstand in Deutschland wieder eine eigene Textilindustrie, die allerdings nun aus vielen kleinen Nähwerkstätten besteht. Dort werden Kleidungsstücke im Wesentlichen auf Bestellung produziert. Auch alte Kleidungsstücke werden kreativ weiterverarbeitet und umgearbeitet. Die Mode ist dadurch vielfältiger und individueller geworden.

Auch die Kulturszene hat von dem Grundeinkommen sehr profitiert, überall bereichern Musiker, Künstler, Handwerker und Upcycler, ihre Umgebung mit ihren Werken. Das Leben ist so viel bunter geworden!

Für Kinder ist das Leben auch wieder kindgerechter und entspannter geworden. Sie können unbeschwert in ihrer Nachbarschaft spielen, es gibt viele Möglichkeiten irgendwo mitzuhelfen, sich auszuprobieren und kreativ zu sein. Sie fühlen sich eingebettet in eine größere Gemeinschaft und erleben schon früh, dass sie mit ihren Ideen und Handlungen positiv auf diese einwirken können.

Heutzutage sind die Menschen dadurch, dass sie weniger gestresst sind, sich gesund ernähren und in einer gesunden und lebenswerten Umgebung leben, glücklicher und viel seltener krank. Das ging sogar so weit, dass man Krankenhäuser zurückbauen konnte! Die alten Menschen leben meist bis zu ihrem Tod in ihren Nachbarschaften, dort können sie weiterhin am Gemeinschaftsleben teilnehmen und werden von der Gemeinschaft mitversorgt.

Ich könnte noch so viel berichten, denn ich bin wirklich begeistert von dieser viel individuelleren, aber doch gemeinschaftlichen Art zu leben!

Aber nun muss ich los, denn ich habe mich für heute eingetragen, das neue Gewächshaus mit zu bepflanzen, welches wir Anfang des Jahres auf das Dach des alten Supermarktes gebaut haben. Das wird fantastisch! Ich freue mich schon.

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